Anna Rossell, Die Liebe als ewige Sehnsucht in Goethes "Faust"

Die Liebe als ewige Sehnsucht in Goethes Faust

por ANNA ROSSELL

Universidad Autónoma de Barcelona
Departamento de Filología Inglesa y Germanística
annarossell@ya.com

ABSTRACT

El artículo analiza un aspecto del “Fausto” de Goethe que arroja luz sobre los fundamentos bíblicos de la tragedia goethiana. La reflexión sobre el lenguaje fáustico, en el que se ponen de manifiesto la eterna inquietud de Fausto y su ideal de vida, sirve de punto de partida para poner al descubierto un concepto del amor y de la feminidad, oculto pero inherente, que tiene sus raíces en la hermenéutica cristiana de la Bíblia y que se detecta también en otras obras de Goethe. En este contexto se propone una nueva interpretación del pacto mefistofélico y de la salvación de Fausto.

This article throws new light on the biblical foundations of Goethe’s tragedy, “Faustus”. The text reflects on the language of Faustus in which the protagonist’s restlessness and ideal of live reveal an underlying concept of love and feminity. This concept is also noticeable in other works by Goethe, the origin of which can be traced back to the Christian interpretation of de Bible. In this context the article proposes a new interpretation of the Mephistophelian pact and Faustus’ salvation.

Goethes “Faust” wird in dem Artikel auf einen Aspekt hin untersucht, der die biblische Grundlage der goetheschen Tragödie in ein neues Licht stellt. Der Beitrag versucht, anhand der Sprache im “Faust”, in der sich Fausts Ruhelosigkeit und sein Lebensideal manifestieren, einen dahinter verborgenen Begriff der Liebe und der Weiblichkeit aufzudecken, der auf die christliche Deutung der Bibel zurückzuführen ist und sich in mehreren Werken Goethes aufspüren lässt. In diesem Zusammenhang wird eine neue Interpretation des mefistofelischen Paktes und der faustischen Rettung vorgeschlagen.

PALABRAS CLAVE
Literatura y género
Exégesis feminista
Hermenéutica feminista
Androcentrismo y hermenéutica literaria
Hermenéutica y patriarcado

KEY WORDS
Literature and gender
Feminist exegesis
Feminist hermeneutics
Androcentrism and literary hermeneutics
Patriarchal hermeneutics

SCHLÜSSELWÖRTER
Literatur und gender
Feministische Exegese
Feministische Hermeneutik
Androzentrismus und literarische Hermeneutik
Hermeneutik und Patriarchat

INHALT 1. Erörterung der Symptome und Darstellung der Hypothese. 2. Christliche Grundlagen der faustischen Liebesproblematik. 3. Die Liebe als ewige Sehnsucht oder die Unfähigkeit zu lieben. 4. Psychoanalytische Deutung der faustischen Liebesproblematik. 5. Bibliographie.

Unidad en ella

Muero porque me arrojo, porque quiero morir,
porque quiero vivir en el fuego, […]

deja que mire el hondo clamor de tus entrañas
donde muero y renuncio a vivir para siempre.

Quiero amor o la muerte, quiero morir del todo,
quiero ser tú, tu sangre, esa lava rugiente
que regando encerrada bellos miembros extremos
siente así los hermosos límites de la vida.

[…]

(Vicente Aleixandre, La destrucción o el amor, 1933)

1. Erörterung der Symptome und Darstellung der Hypothese

Faust zu deuten ist eine gewaltige Aufgabe, sowohl angesichts der philosophischen - zumal symbolisch beladenen - Natur des Werkes, als auch der hohen Stellung wegen, derer sich sein Autor innerhalb der Weltliteratur als großer Klassiker erfreut. Wenn schon jedes von den goetheschen Werken beim Leser die Befürchtung hervorruft, den tiefen Sinn seiner Worte nicht vollkommen zu erfassen, viel schlimmer noch wird diese Befürchtung bei der Lektüre des Faust, des Werkes, das den Autor sein ganzes Leben beschäftigte und thematisch das Leben des Menschen als Ganzes am Beispiel des Faust behandelt. Doch eine Deutung setzt sich stets durch, trotz der Schwierigkeit, trotz der symbolischen Dichte, die vor allem im zweiten Teil des Werkes, uns zur Behutsamkeit zwingt und die unerschöpfliche Quelle der Deutung immer offen läßt.

Was immer man über den Faust sagen mag, wird in diesem Sinne ein Wagnis sein. So habe ich es gewagt, mich in diesem Aufsatz einem Aspekt dieser großen Tragödie anzunähern, der mir bei der Lektüre des Faust als ein wesentlicher erscheint. Ich möchte die Frage aufwerfen, welche Stellung die Liebe – die Liebesbeziehung – im Leben des Individuums Faust einnimmt. Es ist diese Frage, die mich dazu ermutigt hat, dem Charakter des Faust aufmerksamer nachzugehen und die Skizzierung einer Hypothese zu wagen, die sich innerhalb der Lebenslaufbahn des Faust kohärent zu integrieren versucht.

Man hat den Eindruck, was das Thema der Liebe anbetrifft, dass es bei der Liebesbeziehung der Hauptperson sich schlicht um eine Anekdote in seiner Lebenslaufbahn handelt. Die Liebe ist kein ihr eigenes Gefühl, die Liebesfähigkeit kein wesentlicher Zug seines Charakters, sondern eine Empfindung, der der Autor bloß ein paar Kapitel widmet. Trotz der tiefen inneren Unruhe, die den Protagonisten in der Liebesepisode des ersten Teils des “Faust” überkommt, wenn er an seine Geliebte Margarete denkt, trotz der heftigen Begierde nach Helena, die ihn beim Anblick ihrer Schönheit in der Liebesepisode des zweiten Teils erfüllt, ist die Tatsache verwunderlich, dass der Autor es in keinem von beiden Episoden für wichtig hält, das Gefühl der Liebeshingabe von Faust zu beschreiben. In beiden Episoden ist das Ergebnis der Liebesbeziehung ein Kind, doch wir wissen nicht, was diese Liebesverbindung eigentlich für Faust bedeutet. Wir erfahren nichts von seiner Leidenschaft, nichts von seiner Vereinigung mit der Geliebten. Beiden Liebesbeziehungen wohnt ein leidenschaftliches Verlangen inne – und ich möchte das Verlangen, den Wunsch, betonen -, doch keine Hingabe, keine leidenschaftliche Vereinigung.

Es ist wirklich auffallend, dass das ehrgeizigste Werk Goethes, das sich vornimmt, sinnbildhaft den ganzen Lebensweg eines Menschen von seiner Jugend auf bis zu seinem Tod darzustellen, nicht tiefer dem Wesen des Gefühls nachgeht, das wir für das menschlichste aller Gefühle halten, nämlich die Liebe, die Liebesvereinigung, zumal Goethe in seinem Werk das Wesen der menschlichen Natur, die Unruhen, Begierden und Leidenschaften studiert, die den Menschen ergreifen, den Faust verkörpert. Ich frage mich, ob diese große Abwesenheit nicht als ein Symptom des faustischen-goetheschen-Charakters betrachtet werden kann. Des goetheschen Charakters insofern, als der Autor sich mit seiner Kreatur identifizieren konnte. Um diese Frage zu beantworten, möchte ich einigen typischen Charakterzügen von Faust nachgehen.

Faust, dessen etymologisch lateinischer Name “glücklich”, “selig”, bedeutet, ist paradoxerweise alles andere als selig. Von Anfang an finden wir ihn von einer außerordentlichen Trübsal besessen: in seinem ersten Auftritt sehen wir ihn “unruhig” (Goethe 1969)[1], voller Aufregung und Unzufriedenheit. Er klagt über seine gewaltige Unwissenheit, die ihn in große Unruhe versetzt und unglücklich macht:

Dafür ist mir auch alle Freud entrissen, / Bilde mir nicht ein, was Rechts zu wissen, / Bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren, / Die Menschen zu bessern und zu bekehren. / […] / Das ist deine Welt! Das heißt eine Welt! / […] / Und fragst du noch, warum dein Herz / Sich bang in deinem Busen klemmt? / Warum ein unerklärter Schmerz / Dir alle Lebensregung hemmt? / Statt der lebendigen Natur, / Da Gott die Menschen schuf hinein, / Umgibt in Rauch und Moder nur / Dich Tiergeripp und Totenbein! / Flieh! Uf! Hinaus ins weite Land! (Goethe 1969: 17-18)

Und als er das Zeichen des Makrokosmos im aufgeschlagenen Buch erblickt, klagt er weiter:

Wie alles sich zum Ganzen webt, / Eins in dem andern wirkt und lebt! / Wie Himmelskräfte auf- und niedersteigen / Und sich die goldnen Eimer reichen! / Mit segenduftenden Schwingen / Vom Himmel durch die Erde dringen, / Harmonisch all das All durchklingen! // Welch Schauspiel! Aber ach! ein Schauspiel nur! / Wo faß ich dich, unendliche Natur? / Euch Brüste, wo? Ihr Quellen alles Lebens, / An denen Himmel und Erde hängt, / Dahin die welke Brust sich drängt - / Ihr quellt, ihr tränkt, und schmacht ich so vergebens? (Goethe 1969:19).

Faust ist wissensdurstig, ihn quält ein unerschöpflicher Wissensdrang, so unbegrenzt, dass dieser Drang sich als eine klare Gefahr abzeichnet, die seine Seele läuft. Die Gefahr nämlich, zur ewigen Unbefriedigung verdammt zu werden: er hat nicht genug. Um seinen Durst zu stillen, beschwört er schliesslich den Erdgeist herauf. In diesem Zustand der tiefen Unruhe und Begierde erscheint ihm Mefistofeles und schlägt ihm den bekannten Pakt vor.

Die Frage ist angebracht, welchen Vorteil Faust sich von dem Pakt verspricht, den er mit dem Teufel schließt. Wohl nicht die Beherrschung der Magie, denn in der Magie kennt sich Faust sehr gut aus: er kann die Geister heraufbeschwören. Nein, was er sich davon verspricht, ist die Hoffnung, dass seine Seele endlich Ruhe finden wird, Frieden und die Stillung jener tiefen Begierde. Mefistofeles erinnert Faust daran, dass er ein Mensch ist, ein soziales Wesen – “Daß du ein Mensch mit Menschen bist” – (Goethe 1969: 50), er fordert ihn heraus “ In die Welt weit, / Aus der Einsamkeit, / wo Sinnen und Säfte stocken, / […] // Hör auf mit deinem Gram zu spielen, / Der wie ein Geier dir am Leben frißt! / Die schlechteste Gesellschaft läßt dich fühlen, / Daß du ein Mensch mit Menschen bist (Goethe 1969: 50).

Wenn auch Faust gerade ausgerufen hat, dass er nicht genug habe, dass er unendlich mehr wissen möchte, was er jetzt äußert, als der Teufel ihm den Pakt anbietet, ist ein noch größerer Wunsch nach Ruhe. Der Wunsch, dass diese unbegrenzte Wissenssehnsucht aufhört, ihn nicht mehr plagt. So ruft er verzweifelt aus:

Entbehren sollst du! sollst entbehren! / Das ist der ewige Gesang, / Der jedem an die Ohren klingt, / Den, unser ganzes Leben lang, / Uns heiser jede Stunde singt. / Nur mit Entsetzen wach ich morgens auf, / Ich möchte bittre Tränen weinen, / Den Tag zu sehn, der mir in seinem Lauf / Nicht Einen Wunsch erfüllen wird, nich Einen, / Der selbst die Ahnung jeder Lust / Mit eigensinnigem Krittel mindert, / Die Schöpfung meiner regen Brust / Mit tausend Lebensfratzen hindert. / Auch muß ich, wenn die Nacht sich niedersenkt, / Mich ängstlich auf das Lager strecken: / Auch da wird keine Rast geschenkt, / Mich werden wilde Träume schrecken. / Der Gott, der mir im Busen wohnt, / Kann tief mein Innerstes erregen; / Der über allen meinen Kräften thront, / Er kann nach außen nichts bewegen: / Und so ist mir das Dasein eine Last, / Der Tod erwünscht, das Leben mir verhaßt. (Goethe 1969: 48).

Faust benennt die Symptome seines Unbehagens noch enger, wenn er sagt: “So taumel ich von Begierde zu Genuß, / Und im Genuß verschmacht’ ich nach Begierde”. (Goethe 1969: 98)[2]

So äußert sich Faust nach dem Pakt mit Mefistofeles. Das heißt, selbst die teuflischen Künste vermögen sein Unwohlsein nicht zu lindern, Faust kennt das Glück nicht. Seine Worte zeigen bei ihm die Neigung zum ewigen Unglück: “im Genuß verschmacht’ ich nach Begierde”; das heißt, dass Faust selbst im glücklichen Augenblick Leid empfindet. Er möchte, für sich jene Empfindung zurückgewinnen, die ihm Unruhe verschafft, nämlich die Sehnsucht, die Begierde. Erst als der Teufel ihm rät, das Leben und die Welt zu genießen - verstanden als die Entgegensetzung von Fausts Neigung, sie zu durchdenken -, zeigt Faust sich bereit, mit ihm die Wette einzugehen. Auf Mefistofeles Versprechen: “Doch, guter Freund, die Zeit kommt auch heran, / Wo wir was Guts in Ruhe schmausen mögen” (Goethe 1969: 51), erwidert Faust:

Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen, / So sei es gleich um mich getan! / Kannst du mich schmeichelnd je belügen, / Daß ich mir selbst gefallen mag, / Kannst du mich mit Genuß betriegen: / Das sei für mich der letzte Tag! / […] / Werd ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zugrunde gehn! / Dann mag die Totenglocke schallen, / Dann bist du deines Dienstes frei, / Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen, / Es sei die Zeit für mich vorbei. (Goethe 1969: 52).

Faust läßt mit diesen Worten erkennen, dass er sich erst in der Ruhe dem Genuß ergeben kann und dass seine Natur ihn zur Unruhe und Unbehagen treibt. Die Worte, mit denen Faust seinen Pakt mit dem Teufel formuliert, lassen zwei verschiedene und gleichzeitig auch unvereinbare Aspekte der fausteschen Natur erkennen: einerseits bekennt er, er sei für den Genuß untauglich und wünscht sich genießen zu können, andererseits aber klingt in seinen Worten ein Ton der Herausforderung mit. Es geht eigentlich um eine Wette; es ist, als wollte er meinen: wenn du es schaffst, kannst du meine Seele haben, mal sehen, ob es dir gelingt!

Faust ist von zwei entgegengesetzten Sehnsüchten gekennzeichnet, und diese beiden Sehnsüchten schließen sich ihm einander aus: er wird von einer unermäßlichen Wissenslust getrieben, er begehrt Höheres, doch zur gleichen Zeit wünscht er sich anzuhalten, die Ruhe, das Glück. Er sagt es selber so, wenn er, kurz bevor er den Pakt mit Mefistofeles schließt, mit seinem Schüler Wagner spricht:

Du bist dir nur des einen Triebs bewußt; / O lerne nie den andern kennen! / Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, / Die eine will sich von der andern trennen: / Die eine hält in derber Liebeslust / Sich an die Welt mit klammernden Organen; / Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust / Zu den Gefielden hoher Ahnen. / O gibt es Geister in der Luft, / Die zwischen Erd und Himmel herrschend weben, / So steiget nieder aus dem goldnen Duft / Und führt mich weg zu neuem, buntem Leben! (Goethe 1969: 37).

In den Worten des Paktes scheint die ewige Wissensbegierde den Genuß
auszuschließen. Indem sie unersättlich ist, ist sie auch Ursache ewiger Unruhe und Unbefriedigung, ein Fluch, der auf Faust lastet, seinen Willen beherrscht und ihn als Verfluchter, als verbannte Seele von dem Gebiet des Menschlichen ausschließt. Von Anfang an kennen wir Faust als einen, der von seiner Wissenssehnsucht gequält wird, nicht als einer der sein aktuelles Wissen genießt und, vom Genuß veranlaßt, nach immer mehr Wissen verlangt.

Den Worten des Paktes kann man entnehmen, dass Faust zum Genuß des Lebens untauglich ist; das unersättliche Verlangen nach einem ständig höheren Ziel versperrt ihm die Lust und das Glück. Dies bestätigt Mefistofeles Rat, das Leben und die Welt zu genießen, anstatt sie zu durchdenken. Die Welt genießen, das heißt, sich mit dem Volk vermengen, tanzen und den Frühling auskosten, die Zurückgezogenheit des Studierzimmers verlassen, an der Osterfeier teilnehmen. Denn das ewige Grübeln und die Einsamkeit des Studierzimmers hindern ihn am Genuß. So bekennt es Faust, als er vom Spaziergang aus der Stadt zurückkommt, bevor aus dem Pudel, der ihm folgt, der Scholast Mefistofeles wird: “Verlassen habe ich Feld und Auen, / Die eine tiefe Nacht bedeckt, / Mit ahnungsvollem, heilgem Grauen / In uns die beßre Seele weckt. / Entschlafen sind die wilden Triebe / Mit jedem ungestümen Tun” (Goethe 1969: 39).
Faust bereut also, das freie Land verlassen zu haben und bekundet, ungestüme Tätigkeit (“Nur rastlos betätigt sich der Mann” (Goethe 1969: 53)) halte die wilden Triebe stumpf. So darf man nun jenen einander ausschließenden Widerstandspaaren Nachdenken vs. Genießen, bzw. Eingesperrt-sein vs. Sich-nach-außen-wenden ein neues hinzufügen, nämlich Tätigkeit vs. Genuß, denn Faust gibt es deutlich zu erkennen: bei rastloser Betätigung bleiben die Sinne stumpf, Tätigkeit schließt Empfinden aus.

Jenes faustesche Begehren, immer mehr zu wissen, jene Begierde nach dem Absoluten, hat man oft als Fausts Willen gedeutet, mit Gott zu wetteifern, als den Willen, wie Gott allwissend zu werden. Aus christlicher Perspektive sieht man also diesen Willen als eine Herausforderung vom Menschen an Gott, als etwas Verwerfliches, denn das heißt, sich mit Gott zu messen, überheblich sein. Aus diesem Grund wurde Faust oft als antichristliches Werk interpretiert. Doch in meinen Augen ist die goethesche Tragödie gerade von der christlichen Idee durchdrungen, sowohl was die Absicht des Autors betrifft, als auch in Bezug auf das, was Goethe vielleicht unbewußt von wesentlich Christlichem mit ins Werk aufnimmt. Im Rahmen dieser christlichen Konzeption möchte ich eine Deutung der Liebe im Faust vorschlagen, die einem Verständnis der Liebe als Verlust gleichkommt.


2. Christliche Grundlagen der faustischen Liebesproblematik

Warum christlich und nicht antichristlich? Ich möchte auf einige Indizien hinweisen, die nach meiner Ansicht dies an den Tag legen:

Zunächst einmal scheint mir, dass die bekannte faustische ewige Sehnsucht nach Allwissenheit nicht einzig als Wetteifer mit Gott zu deuten ist, sondern als die Kundgebung der natürlichen faustischen Neigung zu Gott im Sinne der Teilhabe des Menschen am göttlichen Wesen. Der Mensch zeigt sich so wie sein Schöpfer ihn schaffen wollte, so wie es in der Bibel steht: “Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei […]”[3]. Faust – der Mensch – hat am Wesen Gottes teil, indem er zum Absoluten hinstrebt.
Was ihn aber in dieser Hinsicht von Gott unterscheidet, ist die Tatsache, dass er dazu verdammt ist, nie das Ziel zu erreichen, sondern für immer bei der Sehnsucht zu bleiben: der Mensch kann und wird niemals allwissend sein. Ich verstehe Faust so, wie ich auch die Worte von Angelus Silesius verstehe, der die Gedanken des Heiligen Augustin verarbeitet: “Mensch, was du liebst, in das wirstu verwandelt werden. / Gott wirstu, liebst du Gott, und Erde, liebstu Erden” (Hederer 1962: 84).
Faust lehnt sich niemals gegen seinen Schöpfer auf, und dieser begreift auch jene faustische Neigung nach Allwissenheit nicht als einen verabscheulichen, sündhaften Zug seiner Persönlichkeit, die ihn aus der göttlichen Bahn verdammen könnte. Nur Mefistofeles versteht ihn als Nacheiferung Gottes. Im anfänglichen Gespräch zwischen Gott und dem Teufel lesen wir:
DER HERR: Kennst du den Faust? / MEPHISTOPHELES: Den Doktor? / DER HERR: Meinen Knecht! / MEPHISTOPHELES: Fürwahr, er dient Euch auf besondre Weise! / Nicht irdisch ist des Toren Trank noch Speise! / Ihn treibt die Gärung in die Ferne; / […] / Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne / Und alle Näh und alle Ferne Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust. / DER HERR: Wenn er mir jetzt auch nur verworren dient, / So werd ich ihn bald in die Klarheit führen (Goethe 1969:14).

Gott zeigt sich überzeugt von der Güte Fausts. Er erlaubt es Mefistofeles, die Kreatur auf seine Weise auf die Probe zu stellen. Gott erklärt sich bereit, ihn walten zu lassen, aber eigentlich geht Gott mit Mefistofeles keinen echten Pakt ein, denn er zweifelt nicht an der Güte und Treue dieses Menschen. Der Herr sagt zu Mefistofeles: “Nun gut, es sei dir überlassen! / Zieh diesen Geist von seinem Urquell ab / Und führ ihn, kannst du ihn erfassen, / Auf deinem Wege mit herab - / Und steh beschämt, wenn du bekennen mußt: / Ein guter Mensch, in seinem dunklen Drange, / Ist sich des rechten Weges wohl bewußt” (Goethe 1969: 15).
Das Gute wetteifert nicht mit dem Bösen. Es geht nicht um eine Wette unter Gleichwertigen - im Gespräch zeigt sich Gott dem Teufel weit überlegen - , es handelt sich um Bewilligung, Gott räumt Mefistofeles eine Eigensinnigkeit ein, als wäre es eigentlich Zeitvertreib. Gott handelt immer aus der Sicherheit heraus, Fausts ewiges Leben steht nicht auf dem Spiel. Eher im Gegenteil, Gott bedient sich des Teufels, um die Rettung von Fausts Seele zu erleichtern.
Nach seinem Zugeständnis denkt

DER HERR: […] / Von allen Geistern, die verneinen, / Ist mir der Schalk am wenigsten zur Last. / Des Menschen Tätigkeit kann allzu leicht erschlaffen, / Er liebt sich bald die unbedingte Ruh; / Drum geb ich gern ihm den Gesellen zu, / Der reizt und wirkt und muß als Teufel schaffen (Goethe 1969: 15).

Den Worten des Herrn ist also zu schlußfolgern, dass die menschliche Tätigkeit das Wünschenswerte ist. Tätigkeit ist also die Garantie für die Rettung der menschlichen Seele. Gott verspricht sich vom Mefistofeles’ Eingriff einen Reiz, einen noch größeren Impuls zur Tätigkeit, die von Faust als dem Lebensgenuß entgegengesetzt, als Alternative empfunden wird.

Und Faust enttäuscht den Herrn nicht: er zeigt am Ende seiner Laufbahn dieselbe Neigung wie am Anfang. Fausts Leben endet in diesem Punkt wesentlich so wie es begonnen hat, denn Fausts Seele wird nicht verdammt. Weshalb aber? Ich möchte hierbei die Worte der Engel – der Vertreter Gottes – heranziehen: “Gerettet ist das edle Glied / Der Geisterwelt vom Bösen: / Wer immer strebend sich bemüht, / Den können wir erlösen! (Goethe 1969: 346)[4].

Was Gott belohnt, ist das ewige Streben nach dem Ideal, den Weg vorwärts nach dem Vorbild, nicht aber die Ankunft zum Ziel, nicht das Erreichen der Vollkommenheit. Faust behält für sich bis zum Ende jene quälende Sehnsucht, die ihm keine Rast und keine Ruhe gönnt. Er ist jene Tendenz nicht los geworden, die ihn zur rastlosen Tat zwingt und daran hindert, auf dem Weg einen Halt zu machen, zu genießen, glücklich zu sein, sich der Liebe hinzugeben. Die Worte der Engel belohnen Faust gerade für die ständige Unruhe, die er bis zu seinem Ende bekundet.

Es wurde bereits erwähnt, dass für Faust Tätigkeit und Genuß einander ausschließen. Seine Klage am Anfang sowie seine Formulierung des Paktes mit Mefistofeles sind Ausdruck der Verzweiflung und der Müdigkeit, die ihn packen. Er sehnt sich nach Ruhe und Sinnlichkeit, weil er sie nicht haben kann. Faust beklagt sich bei Mefistofeles:

Ich habe mich zu hoch gebläht, / In deinen Rang gehör ich nur. / Der große Geist hat mich verschmäht, / Vor mir verschließt sich die Natur. / Des Denkens Faden ist zerrissen, / Mir ekelt lange vor allem Wissen. / Laß in den Tiefen der Sinnlichkeit / Uns glühende Leidenschaften stillen! / […] / Mein Busen, der vom Wissensdrang geheilt ist, / Soll keinen Schmerzen künftig sich verschließen, / Und was der ganzen Menschheit zugeteilt ist, / Will ich in meinem innern Selbst genießen, / Mit meinem Geist das Höchst- und Tiefste greifen, / […] (Goethe 1969 : 53-54).

Doch Mefistofeles kann Fausts Seele nicht nitnehmen. Die Bedingungen sind nicht erfüllt. Faust legt sich niemals beruhigt auf ein Faulbett, gibt sich nicht dem Genuss hin. Dies bezeugen die Worte der Engel und dies bestätigt auch Faust, der niemals jenen Wunsch ausrufen kann, mit dem er den Pakt besiegelt hat: der Augenblick ist nie gekommen, zu dem er hätte sagen können “Verweile doch! Du bist so schön!” (Goethe 1969: 52). Als Faust am Ende seines Lebens diesen Wunsch äußert, haben seine Worte dieselben Sehnsuchtskonnotationen wie am Anfang, als er den Pakt einging. Der Augenblick, auf den er sich am Ende seines Lebens bezieht, ist eine Hypothese, Faust weist auf eine zukünftige, hypothetische Zeit hin und macht es von einer idealen Situation abhängig, als er davon träumt, dem Meer Erde zurückzugewinnen und ein Paradies für freie Menschen – “tätig-frei” (Goethe 1969: 335) - zu erbauen. Bei der Vorstellung dieses Augenblickes sagt er: “Solch ein Gewimmel möcht ich sehen, / Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn! / Zum Augenblicke dürft ich sagen: / Verweile doch, du bist so schön! / […] / Im Vorgefühl von solchem hohen Glück / Genieß ich jetzt den höchsten Augenblick” (Goethe 1969: 335)[5].

Man darf schlußfolgern, dass Faust niemals die Liebeshingabe weder an Margarete noch an Helena erlebt hat. Faust hat niemals den Genuß erfahren, der ihm als Kundgebung eines festen Willens den Ausruf der Worte des Paktes erlaubt hätte, dass die Zeit still stehen solle, um den erlebten Augenblick zu verewigen. Wäre es so geschehen, hätte Mefistofeles die Wette gewonnen. Faust ist nie zur begehrten Ruhe gekommen. Dies hätte mit sich gebracht, dass die Zeit still gestanden hätte oder, anders gesagt, dass der Augenblick Ewigkeit geworden wäre und laut der Vereinbarung des Paktes hätte es auch für Faust den Tod bedeutet. Faust hätte auch nie die ewige Jugend genossen.
Er befindet sich also vor der hoffnungslosen Alternative: auf der einen Seite wird ihm der Weg angeboten, zu dem seine Natur neigt, nämlich der Weg des unersättlichen Wissensdurstes, welcher ständige Gemütserregung und unaufhörliche Unbefriedigung nach sich zieht und als der einzige Weg zu Gott dargeboten wird. Die zweite Alternative ist die des Genußes, das hieße, die Welt und das Leben genießen, die Liebe genießen; doch dies hätte für Faust den Tod und die ewige Verdammung zur Folge gehabt. Fausts Seele hätte für immer Mefistofeles gehört. Folgerichtig kommt die Liebeshingabe Tod und Verdammung – der Verabscheung Gottes - gleich. Liebesgenuß, das heißt für Faust der Tod des Körpers und der Seele. Er erlebt die Liebe als Verlust.

Auch wenn das Leben sich Faust als die radikale Alternative anbietet: voller Qualen leben (und man muß hinzufügen: und seine Seele retten) vs. geniesend sterben (und ewige Verdammnis kennen), auch wenn diese Alternative eine absolut radikale ist, haben wir doch einen Faust kennengelert, der sich zu sterben bereit erklärt, wenn er einmal den Genuß erleben kann. Wenn Mefistofeles trotz dieser Begehrung Fausts Seele nicht für sich gewinnen kann, dann darf man sich fragen, warum dem Geist des Bösen die Verdammung des Menschen nicht gelingt. Als Antwort darf man wohl annehmen, dass Faust zwar den Genuß begehrt, ihn aber nicht haben kann, weil er dafür untauglich ist. Auch mit der Hilfe des übernatürlich mächtigen Geistes des Bösen wird er nicht dafür taugen. Denn Mefistofeles gibt sich Mühe, seinen Teil des Paktes einzuhalten: er besorgt Faust Margarete und ermöglicht ihm die nächtliche Verbindung mit ihr in einer Szene, deren Ähnlichkeit mit der Bibelszene der Adamsverführung durch Eva kein Zufall ist. Adam-Faust wird von der Schlange-Mefistofeles in Versuchung gebracht, die sich des Weibes Eva-Margarete bedient. Der Moment, in dem Adam Evas Apfel annimmt, bedeutet der Anfang alles Bösen, denn er ist der Ursprung der Erbsünde. Von nun an kann die menschliche Seele die ewige Verdammnis kennen. Zeigt der Faust hierin nicht eine klare Parallele mit der Bibel auf? Ist seine Grundidee nicht wesentlich biblisch?


3. Die Liebe als ewige Sehnsucht oder die Unfähigkeit zu lieben

Diesen christlichen Kern möchte ich noch von einer anderen Perspektive angehen, nämlich der sprachlichen, als Widerspiegelung und Vermittlung einer Ideologie, vor allem wenn man sich der assoziativen Konnotationen bewußt wird, die man der Sprache des “Faust” entnehmen kann. Einige Verse des goetheschen Gedichtes “Selige Sehnsucht” (Westöstlicher Divan (1819)) sollen hierfür als Einleitung dienen: Der Schmetterling, in das Flammenlicht der Kerze verliebt, gibt sich ihr in der Vorahnung eines höheren Lebens hin und geht in ihr auf. Er stirbt als eine Folge seines wagemutigen Benehmens – der Liebesverbindung mit dem Licht -, und das lyrische Ich bemerkt hinzu: “Und so lang du das nicht hast, / Dieses: Stirb und werde! / Bist du nur ein trüber Gast / Auf der dunklen Erde” (Goethe 1982: 18-19).[6] Das lyrische Ich zieht die Lehre, es ist ratsam, so wie der Schmetterling zu handeln, es ist nötig, eine Liebesverbindung mit dem anderen einzugehen, um eine Verwandlung im anderen zu vollziehen: die Verbingung des Schmetterlings mit der Flamme hat die Verwandlung des Schmetterlings in Licht zur Folge; nur so kann der liebende Schmetterling kein trüber Gast mehr auf der Erde sein.

Gerade das gelingt Faust nicht: er bleibt im Leben immer ein trüber Gast auf der Erde, weil er keine echte Liebesvereinigung eingeht. Faust vereinigt sich leiblich, doch nicht seelisch, er verwandelt sich nicht: Gott belohnt ihn, weil er nicht ruht, weil er nicht den Moment genießt, weil er bei der Begehrung bleibt. Um sich zu verwandeln, ist es notwendig, in der Liebesverbindung zu sterben. Es handelt sich hierbei um einen Tod, der gleichzeitig die Quelle des Lebens ist, denn der Dichter ruft aus: “Stirb und werde!” Es ist also nötig zu sterben, um werden zu können. Es ist nötig, etwas zu verlieren, um etwas gewinnen zu können. Sich verwandeln heißt also Gewinn und Verlust. Der Liebende muß bereit sein, sich hinzugeben, muß bereit sein zu sterben, damit die Verwandlung sich vollziehen kann. Der Liebende muß bereit sein, individuelle Wesenszüge zu verlieren, um so andere, neue Züge gewinnen zu können, daraus besteht die Verwandlung.

Doch Faust stirbt nicht an Liebe, sondern eines Altertodes. Er verliert niemals jenen ihm wesentlichen Charakterzug der ewigen Bestrebung, er löst sich nicht in der Geliebten auf, von seinem Wesen geht nichts verloren, damit seine Seele nicht verloren geht. Hingabe bzw. Verlust, das heißt für Faust selbst verloren gehen, seine Seele verlieren, eine Sprache, die das Christentum sich einverleibt hat. So ist Faust nicht dem Rat des Dichters gefolgt: “Stirb und werde!”, sondern er ist sein ganzes Leben lang unbefriedigt, unglücklich geblieben. Er, der die Grenzen der menschlichen Natur nicht akzeptieren will, der seine Untauglichkeit für den Genuß zugibt und sich aus dem Pakt mit dem Teufel die absolute Kenntnis von Genuß und Schmerz verspricht, muß schließlich die Begrenzheit der menschlichen Natur annehmen, muß die Unmöglichkeit einsehen, allwissend zu werden. Das höchste Glück, das Faust bestreben kann, ist gerade das des ewigen Strebens nach dem Glück, doch niemals das Glück erzielen.

Interessanterweise trägt das erwähnte goethesche Gedicht den Titel “Selige Sehnsucht”. Wie ist er zu deuten? Ist die Liebesverbindung des Schmetterlings mit der Flamme die Beschreibung einer menschlichen Sehnsucht? Einer Wehmut des Dichters? Und warum ist diese Sehnsucht “selig”? Es scheint, dass Goethe das menschliche Glück nicht in der Vollendung, in der Erfüllung menschlicher Begierde sieht, sondern vielmehr gerade in deren nicht-Erfüllung. Im vierten Akt des zweiten Teils sagt Faust zu Mefistofeles: “Herrschaft gewinn ich, Eigentum! / Die Tat ist alles, nicht der Ruhm” (Goethe 1969: 296).

“Die Tat ist alles”, ewige Bewegung, ewiger Weg dahin, darauf kommt es Faust und seinem Schöpfer an, wenn auch im Pakt sich Fausts vehementer Wunsch nach Rast äußert. In jenem Zweikampf zwischen den beiden einander ausschließenden Polen seiner Seele gewinnt die Tat, die Unruhe, das ewige Bestreben. Das ist sein Evangelium, das sich schon im ersten Teil des Faust ankündigt, als wir Faust in seinem Studierzimmer kennenlernen. Dort grübelt er über die Evangeliumsworte des Heiligen Johannes nach und ist bemüht, den echten Sinn dieser Worte zu erfassen: “Im Anfang war das Wort!” (Goethe 1969: 40). Faust deutet das Zitat als « Im Anfang war die Tat » (Goethe 1969: 40). Im zweiten Teil, als Faust schon seinen Jugendfehler bereut hat, in der übernatürlichen Macht des Teufels Hilfe gesucht zu haben, hört man ihn so sprechen: « Ich bin nur durch die Welt gerannt! / […]. /Ich habe nur begehrt und nur vollbracht! / Und abermals gewünscht und so mit Macht / Mein Leben durchgestürmt […] » (Goethe 1969: 331). Und im Ton eines Ratschlags an seinesgleichen sagt er weiter:

Er stehe fest und sehe hier sich um: / Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm! / Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen?/ Was er erkennt, läßt sich ergreifen. / Er wandle so den Erdentag entlang; / Wenn Geister spuken, geh er seinen Gang, / Im Weiterschreiten find er Qual und Glück, / Er, unbefriedigt jeden Augenblick! (Goethe 1969: 331-332).[7]

Die letzten Worte möchte ich betonen “Er, unbefriedigt jeden Augenblick!” Faust bekennt und akzeptiert am Ende seiner Tage, dass der Mensch ein ewig Unbefriedigter bleibt. Faust behält bis zum Schluß sein Streben zum Absoluten, zu Gott, was nur Streben sein kann und nicht Erfüllung.

Diese Tendenz des Helden zur Unbefriedigung finden wir auch in anderen Werken Goethes angedeutet. Manche Kritiker[8] haben eine Deutung des “Werther” in dieser Linie vorgeschlagen oder angedeutet, wenn sie behaupten, dass seine Liebe zu Lotte seinem Charakter gemäss nicht vollzogen werden kann. Seine Liebe muss ein Ideal bleiben. Ein Ideal, das er unbedingt als ein Wunschbild erhalten muß und das nicht verwirklicht werden kann, wenn Werther seinem Wesen treu bleiben will.[9]
Diese Interpretation scheint mir, völlig treffend zu sein. Selbst Goethe gibt sie zu erkennen, wenn er seinen Werther als nachdenklichen Träumer darstellt, dessen Gedanken ihn zu dem Schluß kommen lassen, dass die Erfüllung der Wünsche dem Menschen nicht gebührt, dass er sich eher bemühen soll, sie als Sehnsucht zu erhalten.
Ein Zitat aus dem “Werther” sei an dieser Stelle herangezogen. Werther schreibt seinem Freund Wilhelm folgendes:

Wenn ich die Einschränkung ansehe, in welcher die Tätigen und forschenden Kräfte des Menschen eingesperrt sind; wenn ich sehe, wie alle Wirksamkeit dahinaus läuft, sich die Befriedigung von Bedürfnissen zu verschaffen, die wieder keinen Zweck haben, als unsere arme Existenz zu verlängern, und dann, daß alle Beruhigung über gewisse Punkte des Nachforschens nur eine träumende Resignation ist, da man sich die Wände, zwischen denen man gefangen sitzt, mit bunten Gestalten und lichten Aussichten bemalt – Das alles, Wilhelm, macht mich stumm. Ich kehre in mich selbst zurück, und finde eine Welt! Wieder mehr in Ahnung und dunkler Begier als in Darstellung und lebendiger Kraft. Und da schwimmt alles von meinen Sinnen, und ich lächle dann so träumend weiter in die Welt (Goethe 1981: 13).[10]

Oder etwas später in einem anderen Brief, in dem er sich noch deutlicher in diese Richtung äußert:

Die ineinander geketteten Hügel und vertraulichen Täler! – O könnte ich mich in ihnen verlieren! - - Ich eilte hin, und kehrte zurück, und hatte nicht gefunden, was ich hoffte. O es ist mit der Ferne wie mit der Zukunft! Ein großes dämmerndes Ganze ruht vor unserer Seele, unsere Empfindung verschwimmt darin wie unser Auge, und wir sehnen uns, ach! unser ganzes Wesen hinzugeben, uns mit aller Wonne eines einzigen, großen, herrlichen Gefühls ausfüllen zu lassen. – Und ach! wenn wir hinzueilen, wenn das Dort und Hier wird, ist alles vor wie nach, und wir stehen in unserer Armut, in unserer Eingeschränktheit, und unsere Seele lechzt nach entschlüpftem Labsale (Goethe 1981: 20).[11]

Was Werther in seinem Innern entdeckt, ist also eine Welt “eher in Ahnung und dunkler Begier als in Darstellung und lebendiger Kraft”. Was die menschliche Seele am Leben erhält, ist das Geheimnisvolle, das was ihr immer zu erreichen bleibt, was sie nicht kennt, doch zu kennen wünscht, die Sehnsucht nach einem Wunschbild. Werther weiß es: “wenn wir hinzueilen, wenn das Dort und Hier wird, ist alles vor wie nach”. Seine Worte lassen keinen Zweifel erkennen, dass er das Gefühl der Ferne für das ihm erteilte höchste Glück hält.
Goethe legt das Glück also auf die Sehnsucht, nicht auf das Ziel, auf die Erfüllung. Faust sagt es deutlich kurz vor seinem Tod, als er sich seine Utopie freier Menschen vormalt: “Im Vorgefühl von solchem hohen Glück / Genieß ich jetzt den höchsten Augenblick” (Goethe 1969: 335). Höchster Genuß ist ihm, sich die Utopie vorzumalen; Faust erreicht das Glück, indem er sich vorstellt, das Glück zu haben, nicht indem er es hat.

4. Psychoanalytische Deutung der faustischen Liebesproblematik

Diese Idee scheint mir der Kern zu sein, der die charakteristisch christliche Grundlage ausmacht, auf der der “Faust” basiert: der Verlust als dem Begriff der geschlechtlichen Liebe inhärent, eine Vorstellung deren verinnerlichte Aneignung Faust die Gunst Gottes und die Rettung seiner Seele sichert.

Interessant und deswegen erwähnenswert ist die Übereinstimmung dieses wesentlichen Aspekts des “Faust” mit der psychoanalytischen Deutung der Schöpfungsmythen – auch des christlichen Schöpfungsmythos - von Emilio García Estébanez. In seinem Essay “¿Es cristiano ser mujer?”[12] - eine analytische Studie über den Rohstoff, dessen sich die patriarchalische Ideologie bedient, um das Gebäude der großen Mythen (besonders des christlichen) aufzubauen -, widmet García Estébanez dem Buch der Psychoanalytikerin Dorothy Dinnerstein, “The Mermaid and the Minotaur”[13] besondere Aufmerksamkeit.
Ich möchte nur in großen Zügen an die Stützen erinnern, auf denen die Psychoanalyse ihre Theorie der patriarchalischen Gesellschaft aufbaut: Sie ist nämlich eine Folge erst der Mutter- später der Vater-Kind-Beziehung in der Kindheit. Diese Beziehungen erleben Junge und Mädchen teils auf gleiche, teils auf verschiedene Weise. Doch möchte ich in diesem Zusammenhang betonen, dass beide die Mutter in der frühen Kindheit als allmächtige Figur erleben, von der sie absolut abhängig sind.
Laut dieser psychoanalytischen Interpretation wird das männliche Kind die Erfahrung von Lust und Frustration gleichzeitig als Konsequenz jenes intensiven Kontaktes mit der Mutter sein Leben lang nicht loswerden können. Der erwachsene Mann wird als autonomes, nicht mehr von der Mutter abhängiges Wesen das Gefühl der Angst nicht überwinden können, die er empfindet, wenn er sich in eine ähnliche Situation versetzt fühlt. Hingabe an das Weibliche wird er als Bedrohung erleben. Liebesgenuß wird von dem Mann automatisch unbewußt als die Gefahr empfunden, von der Allmächtigkeit des Weiblichen verschlungen zu werden. Ihm bangt um den Verlust seiner Autonomie. So ist ihm diese Angst für die Liebe, für den sexuellen Genuß ein Hindernis, denn sein Körper führt ihn auch zurück zur Mutter.
In diesem Rahmen weist García Estébanez auf manche Strategien hin, die die patriarchalische Ideologie in Gang setzt, um diese Angst auszugleichen. Eine davon ist nach García Estébanez die Überbewertung der Tätigkeit, die Überewertung der schöpferischen Tat, was interessanterweise ein zentraler Punkt der Utopie in der Vorstellung von Faust am Ende seines Lebens ist. So fungiert die Tätigkeit als Überdeckung der männlichen Lustfrustration, als eine Maske. García Estébanez faßt es so zusammen:

Um dieser Begierde und dieser Versuchung zu entgehen [er bezieht sich auf die Begierde zu lieben und zu umarmen], geben wir uns mit Leib und Seele der Tätigkeit hin. Die Kreativität ist in der patriarchalischen Ideologie ein Werkzeug, um die Wollust, das Erotische, zu unterdrücken und um die Todesgedanken zu beschwören […] Sie hat ihre Ursache in der Besessenheit, den Körper zu besiegen […] die schöpferische Betätigung wird ein Ziel an sich (García Estébanez 1992: 60).[14]

Ich möchte an dieser Stelle an die Worte erinnern, die Faust zu der Maxime seines Lebens gemacht hat: “Im Anfang war die Tat”. Bei aller Sehnsucht nach dem ruhigen, genüßlichen Augenblick überwältigt Faust die Neigung zur Tätigkeit. Diese Neigung wird seine Seele für immer retten, seine Hingabe zum Weiblichen hätte ihn verdammt.
Ein weiteres Zitat von García Estébanez trägt zur noch deutlicheren Veranschaulichung dieser Idee bei:

[…] der Gründungsakt der patriarchalichen Welt wird von dem Bruch mit dem Körperlichen geleitet, ein Bruch, der sich deutlich in den kosmogonischen Mythen widerspiegelt, in denen der Demiurg gewaltsam die Dinge, die er nach und nach schöpft, von dem Urstoff trennt, mit dem sie vermischt sind […] Man umarmt die geistige Welt, indem man sich von der körperlichen Welt löst. Der Verlust der letzten beraubt uns an der ihr eigener Befriedigung […] Körper und Geist erleben sich als entgegengesetzt, als unvereinbar, sogar als widersprüchlich, da der körperliche Druck - sowohl der, den man als Last empfindet, als auch der, den man als Sehnsucht nach Rückkehr zu Ruhe und Wollust – als eine Bedrohung für den Geist und seine Unternehmung wahrgenommen werden (García Estébanez 1992: 63-64).[15]

Dieses Zitat scheint Faust angemessen zu sein, denn die Ruhe des glücklichen Augenblicks stellt sich ihm als eine Drohung für seinen Geist und sein Unternehmen dar. Das ist die Drohung, die in den Worten des Paktes enthalten ist “Werde ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zugrunde gehn!”.

Was das Weibliche betrifft, erlangt Faust es nicht, er ersehnt sich nur danach. Sein Leben bleibt Sehnsucht, Gott belohnt den, der “immer strebend sich bemüht” hat. Entsprechend endet das Werk mit den Worten des Chorus Mysticus: “Alles Vergängliche / Ist nur ein Gleichnis; / Das Unzulängliche, / Hier wird’s Ereignis; / Das Unbeschreibliche, / Hier ist’s getan; / Das Ewigweibliche / Zieht uns hinan” (Goethe 1969: 351).[16]


5. Bibliographie

Dinnerstein, D., The Mermaid and the Minotaur. Sexual Arrangenments and Human Malaise. New York: Harper and Row 1976.

Fischer, P., Psyche 6 (1986).

García Estébanez, E., ¿Es cristiano ser mujer? Madrid: Siglo XXI de España editores 1992.

Goethe, J. W., Faust: Der Tragödie erster und zweiter Teil. Dtv
Gesamtausgabe, Bd. 9. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1969.

Goethe, J. W., Werke, Hamburger Ausgabe, Bd. 2: Gedichte und Epen II. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1982.

Goethe, J. W., Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden, Bd. 6: Romane und Novellen I. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1981.

Hein, E., Johann Wolfgang Goethe Die Leiden des jungen Werthers. München: Oldenburg u. a. 1991.

Hederer, E. (Hrsg.), Das Deutsche Gedicht vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert. Frankfurt a. M.: Fischer 1962.

Siepmann,Th., Johann Wolfgang von Goethe ‘Die Leiden des jungen Werther’. Stuttgart u.a.: Klett 1992.


Notas:

[1] Goethe 1969. Die Faustzitate beziehen sich im folgenden auf diese Ausgabe.
[2] Meine Hervorhebung.
[3] Gen 1: 26-28
[4] Meine Hervorhebung
[5] Meine Hervorhebung
[6] Meine Hervorhebung.
[7] Meine Hervorhebung.
[8] Siehe u. a. Siepmann 1992: 48-49 und Hein 1991: 45-47 und 62-63. Siepmann schreibt hierzu: “[Lotte] vermutet in einem der letzten Gespräche mit Werther, dass die Unmöglichkeit, sie zu besitzen, für ihn ihren Reiz ausmache. Das würde bedeuten, dass der hauptsächliche Reiz dieser Liebe in ihrer Vergeblichkeit liegt. Es gibt einige verräterische Stellen in Werthers Briefen, an denen deutlich wird, dass er den Schmerz angesichts seiner vergeblichen Liebe zu Lotte durchaus geniesst, dass er in der Vergeblichkeit seiner Liebe zu einem erhöten Selbstgefühl gelangt. Es scheint sich bei seiner Liebe gar nicht so sehr um die reale Person Lotte zu gehen, er ist vor allem in seine eigenen Gefühle, in die übersteigerten Affekte verliebt”.

[9] Interessant, wenn auch etwas gewagt, ist in diesem Zusammenhang die psychoanalytische Interpretation Peter Fischers, der im Selbstmord Werthers eine Transposition von Goethes krankhaftes narzistisches Verhältnis zur eigenen Mutter und zur Schwester Cornelia: Tötet Werther sich selbst, so tötet er damit auch das internalisierte Mutterobjekt. Vgl. hierzu Fischer 1986.

[10] Meine Hervorhebung.
[11] Meine Hervorhebung.
[12] García Estébanez 1992: 51-67.
[13] Dinnerstein 1976.

[14] Meine Übersetzung. Der Originaltext lautet:
“Para sustraernos a este deseo y a esta tentación nos damos en cuerpo y alma a la acción. La creatividad del patriarcalismo es un instrumento para reprimir lo carnal, lo erótico, y para conjurar los pensamientos sobre la muerte [...] está motivada por la obsesión de vencer al cuerpo […] se hace de la actividad productora una actividad en sí misma”.
[15] Meine Übersetzung. Der Originaltext lautet:
“[…] el acto fundacional del mundo patriarcal está marcado por la ruptura con lo corpóreo, ruptura ésta que se refleja conspicuamente en los mitos cosmogónicos en los que el demiurgo procede a separar violentamente las cosas que va creando de la masa primordial con que están mezcladas […] Se abraza el mundo espiritual soltándose del corporal. La pérdida de este último […] nos priva de las satisfacciones que le son propias […] Cuerpo y espíritu se viven como opuestos, como irreconciliabes, incluso como antagónicos, ya que la presión corporal, la sentida como pesantez o la sentida como nostalgia de volver al reposo y regodeo de la carne, se perciben como una amenaza para el espíritu y sus empresas”.
Meine Hervorhebung.

[16] Meine Hervorhebung.

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